Mittwoch, 3. Juni 2015

Faszination Natur - Island

Die Bucht von Reykjavík
Unsere Reise beginnt dort, wo wahrscheinlich 98 Prozent aller Islandreisen beginnen. In der Hauptstadt Islands - in Reykjavík. Hier verbringen wir unsere erste schlaflose Nacht. Weil es im Mai auf Island kaum noch dunkel wird, weil wir aufgeregt sind und es fast nicht erwarten können, mit unserem gemieteten Sport Utility Vehicle aufzubrechen, um diese, von allen in den Himmel gelobte Insel zu erkunden.


Es war Halldór Laxness, der isländische Literatur-Nobelpreisträger, der gesagt hat: "Island zwingt Dich, sich auf Dich selbst zu besinnen. Du musst mit Dir allein sein können." Wieso? fragt man sich, wenn man das liest und Island noch nicht kennt. Man ist doch nie allein. Schließlich wohnen dort ja Menschen und jährlich bereisen zirka 1.500.000 Touristen die Insel. Und wie Du HIER lesen kannst, waren die ersten Eindrücke auf der Fahrt vom Flughafen Keflavík bis in die Hauptstadt jetzt auch nicht so spektakulär, dass man gleich mit Superlativen um sich werfen müsste. Sicher, man hat ja gehört und gelesen, dass Island faszinierend und einmalig, ja sogar sagenhaft sein soll. Aber so?
Zwar freudig erregt, aber dennoch mit einer gewissen Blasiertheit - schließlich hat man ja schon Einiges gesehen von der Welt - machten wir uns also am nächsten Morgen auf, um schon nach wenigen Minuten, die wir Richtung Süden auf der Reykjanes-Halbinsel unterwegs waren, demütig in die Knie zu gehen. Schlagartig verstand ich, was Laxness mit seinen Worten meinte.

Auf der 42 Richtung Süden @Jeannette Hagen

Der Bergsee Kleifarvatn @Jeannette Hagen
Das Solfatarengebiet von Seltún @Jeannette Hagen
Ich weiß nicht mehr, wie oft wir auf den ersten 50 Kilometern angehalten haben. Wie oft mir der Mund offen stand vor Staunen, wie oft ich Tränen in den Augen hatte, weil ich so berührt, so geflasht war. Weil diese Urnatur mich dermaßen aus meiner zivilisationsbedingten Arroganz kippte, dass es fast wehtat. "Schau her!" sagte sie in ihrer rechtmäßigen Erhabenheit. "Schau her, hier regiere ich." Man kann nicht anders, als sich dem zu fügen. Man wird gezwungen, ergeben den Kopf einzuziehen und sich darauf zu besinnen, dass die Erde zuerst da war. Weit vor uns. Und dass sie damit das Platzrecht besitzt. Jederzeit. Auch heute. Gerade heute. Ein Teil von ihr sind wir. Nicht die Krone der Schöpfung, sondern Gäste. Mehr nicht. Island zeigt den Kreislauf des Werdens und Vergehens. Nirgendwo sonst wird man so bezaubernd daran erinnert, dass das Leben endlich ist. Ja morgen schon zu Ende sein kann. Das muss man aushalten. Allein. Für sich.

Diese Erkenntnis begleitete mich während der nächsten neun Tage, denn das hohe Level des Staunens riss einfach nicht ab. Auch nicht nach dem dritten Wasserfall, den man gesehen hatte. Es kam sogar noch schlimmer. Man glaubte irgendwann zu wissen, was einen erwartet und dann bog man um die nächste Ecke und wurde belehrt, dass Erwartungen nichts als Hirngespinnste sind. Dass man auf Island einfach nichts erwarten kann, sondern sich überraschen lassen darf. Was für ein großes Geschenk.

Besonders deutlich wurde mir das, als wir am zweiten Abend im wohl bekanntesten Geothermalfeld der Insel ankamen. Dort brodeln die Geysire Strokkur und Stóri Geysir. Während der eine derzeit nur vor sich hinkocht, schießt der andere alle vier bis acht Minuten eine riesige Fontäne in die Luft. Das ist zweifelsohne eine Attraktion. Da unser Hotel direkt an dem Geothermalfeld lag, nutzten wir natürlich die Gelegenheit, mehrmals dem Schauspiel beizuwohnen. Und was soll ich sagen - hier zeigte sich im Kleinen - was die Insel im Großen bietet: Man wird einfach nicht müde zu Staunen. Das Herz hüpft bei jedem Anblick, bei jedem Blubbern. Es war so großartig zu beobachten, wie cool so mancher Besucher an die Geysire heranschlenderte und wie ergriffen dann alle waren, als sie dem Schauspiel folgten. Einige freuten sich wie kleine Kinder und konnten gar nicht aufhören, wieder und wieder zu fotografieren und ihrer Begeisterung Luft zu machen.

@Jeannette Hagen

Kurz vor der Eruption @Jeannette Hagen
Der Strokkur in seiner ganzen Pracht @Jeannette Hagen
Nach den Geysiren ging es weiter Richtung Süden. Es blieb beim Hop on Hop off, beim Rein-Raus aus dem Auto, weil es immer irgendetwas zu bewundern gab. Menschen, die sich für die Vogelwelt interessieren, werden auf Island so wie ich Freudentänze veranstalten, denn die Artenvielfalt der dort lebenden und brütenden See- und Singvögel ist - mal ganz abgesehen von der Hauptattraktion - den drolligen Puffins - sehr beeindruckend.

Ein Alpenschneehuhn @Jeannette Hagen

Puffins im Meer @Jeannette Hagen

Nicht weit von den Geysiren entfernt rauscht der Goldene Wasserfall "Gullfoss" in die Tiefe. Wir hatten bei Nieselregen das Vergnügen, was der Ergriffenheit angesichts der Wassermaßen, die da tosend in die Schlucht stürzen, keinen Abbruch tat. Bei Sonnenlicht, besonders abends bildet sich wohl ein prächtiges Farbenspiel. Und noch etwas macht diesen Anblick so besonders: Die Tatsache, dass es dem Engagement einer Frau zu verdanken ist, dass es den Wasserfall überhaupt noch gibt. Anfang des 20. Jahrhunderts wollten britische Spekulanten, die ein Pachtrecht besaßen, den Gullfoss für die Energiegewinnung erschließen. Sigríður Tómasdóttir, die Tochter des Bauern von Brattholt verhinderte das, in dem sie erst juristisch gegen dieses Vorhaben vorging und schließlich, als nichts anderes mehr half, drohte, sich in die Fluten zu stürzen. Erst da ließen die Briten von ihrem Vorhaben ab, der Wasserfall ging an Island zurück und ist seit 1979 ein Naturdenkmal. Die Geschichte des Gullfoss ist nur ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie sehr sich die Isländer für ihre Natur und für ihr Land einsetzen. Aber dazu später mehr. Bevor ich im nächsten Post mit Dir den Süden Islands bereise, hier noch ein paar Impressionen. 

Gullfoss @Jeannette Hagen



Gullfoss @Jeannette Hagen
Wo die Trolle wohnen :-) @Jeannette Hagen

Weitblick @Jeannette Hagen
Mehr Fotos findest Du auf Instagram unter @onedaytraveler. Ich freue mich, wenn Du mir dort folgst.

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