Dienstag, 9. Juni 2015

Eisland - der Süden und Südosten Islands

Gletscherblau
Auch wenn wir davon nicht viel gesehen haben, weil der Winter sich in diesem Jahr nicht so recht verabschieden wollte - Island ist eine sehr grüne Insel. Das passt so gar nicht zum Namen, den die Wikinger der Insel einst gaben: Iceland - das Eisland. Fährt man allerdings durch den südöstlichen Teil,  kann man zumindest erahnen, was die Wikinger bei der Namensgebung einst inspiriert haben könnte: riesige, kalbende Gletscher, die blau schillernde Eisbrocken an schwarzen Stränden hinterlassen. Wen bis hier das Islandfieber noch nicht gepackt hat, der wird spätestens bei diesem Anblick sein Herz für immer an diese Insel verlieren.

Aber ich will nicht vorgreifen, denn begibt man sich auf der Ringstraße von Reykjavík Richtung Süden, gibt es bereits vorher viel Sehenswertes. Neben den wunderschönen Wasserfällen Seljalandsfoss und Skógafoss hat mich am meisten der Küstenabschnitt fasziniert, an dem der Torfelsen Dyrhólaey aus dem Wasser ragt. Die Basaltformationen der Küste sind ein Traum und noch etwas anderes kapert das eigene Ego, wenn man an dem schwarzen Strand steht und den Blick über die Wellen in die Ferne schweifen lässt. Es ist jene Magie, die von uns Besitz nimmt, wenn wir die Größe, die Dimension von etwas erahnen, sie für unseren Verstand allerdings schwer vorstellbar ist. Steht man an dieser Stelle und schaut aufs Meer und würde der Blick nicht durch die Erdkrümmung gebremst, dann wäre das nächste Festland, auf das man schauen würde, die Antarktis. Kein Festland, keine Insel, die den Weg kreuzen. Was für eine Vorstellung. Fast einmal um die halbe Welt.

Der Seljalandsfoss

Der Skógafoss

Vom Wind und Wasser glattgespülte Basaltformation

Basaltfelsen @Jeannette Hagen

freier Blick bis zur Antarktis
Im Süden Islands ist man nicht einsam. Hier tummeln sich viele Touristen, die teils mit Reisebussen, teils mit riesigen Monsterjeeps durch die Gegend gefahren werden. Island ist ein Land für alle. Man sieht Ältere, Jüngere, Familien mit Kindern und Alleinreisende und zwar aller Nationen. Wie überall fallen besonders die Asiaten auf, weil sie permanent mit einem Tablet vorm Gesicht laufen und alles fotografieren und filmen, was sich bewegt oder steht. Seit der Selfiestick unsere Welt erobert hat, scheint weniger das Objekt - die Landschaft oder die Sehenswürdigkeit - von Interesse, sondern ausschließlich die Person, die den Selfiestick hält und sich vor die Kulisse stellt. Das hat etwas Skurriles. Oft konnte man beobachten, dass die Menschen aus ihren Autos stiegen, den Stick mit Kamera im Anschlag, dann spurteten sie zu der jeweiligen Sehenswürdigkeit und ohne dieser größere Beachtung zu schenken, stellten sie sich rücklings davor, um ein Selfie zu schießen und sofort im Anschluss den Ort wieder zu verlassen. Kein Einlassen, kein Staunen, kein sinnliches Erleben. Welch seltsames Gebaren. Welch seltsame Menschen.

Im Südosten Islands angelangt, sitze ich am Rande eines Gletschers. Schweigend. Um mich herum klettern Touristen. Sie fotografieren oder unterhalten sich. Irgendwann wird jeder von ihnen still. Manche nur für einen kurzen Moment, andere länger, so wie ich. "Wahnsinn, was für ein Ungetüm" denke ich und starre auf die Eismassen des Kvíajökull. Dabei sind sie nur ein winziger Teil. Eine kleine Zunge des größten Gletschers Europas, des Vatnajökull, der so groß ist, wie 1200 Fußballfelder zusammen.

Jökull bedeutet Gletscher. Davon hat Island wirklich viele. Ganze 12 Prozent der Inselfläche werden von ihnen beherrscht. Unter den meisten liegen aktive Vulkane - ein hochexplosiver Mix, der jederzeit dafür sorgen könnte, dass diese großartige Insel schlagartig nicht mehr so wäre, wie man sie kennt. Denn bricht ein Vulkan aus, dann werden nicht nur Asche und Lava in die Luft geschleudert, sondern dann schmilzt auch das Gletschereis. Aus Flüssen werden Gletscherläufe, aus Gletscherläufen werden Flutwellen, die alles wegspülen, was ihnen in die Quere kommt. Wie verheerend das sein kann, hat der letzte Ausbruch des Grímsvötn 1996 gezeigt, als die Flutwelle aus dem Schmelzwasser einen großen Teil der Südküstenstraße, samt einer Brücke zerstörte.

Sitzt man nun an solch einem Gletscher, taucht man nicht nur in Erdgeschichte ein, in Klimawandel und die Faszination des ewigen Eises, sondern man wird sich einmal mehr bewusst, dass diese Welt nicht so beständig, wie wir denken, sondern wirklich unberechenbar ist. Die Sicherheit in der wir uns wiegen, ist trügerisch. Ich habe das nirgendwo so hautnah gespürt, wie auf Island. Und trotzdem sitzt man dort und meint, mit der Ewigkeit in Kontakt zu kommen. Dieser Gegensatz ist wirklich schwer zu begreifen und ich merke jetzt, nachdem ich seit nunmehr zehn Tagen wieder zuhause bin, dass mein Verstand immer noch nacharbeitet. Ich träume jede Nacht von Island. Von der Landschaft und der Weite. "Schön, dass du dich auch in Island verliebt hast. Das geht nie mehr weg." schrieb ein Forenmitglied im Island-Forum unter meinen letzten Post. Ja, so ist das wohl. 
Das geht nie wieder weg.


Am Kvíajökull @Jeannette Hagen

Eisbrocken am Strand @Jeannette Hagen

Der Jökulsarlón @Jeannette Hagen

Unendliche Sanderfläche (Skeidarársandur) @Jeannette Hagen


1 Kommentar:

  1. Danke für Deine Berichte aus Island - sie spiegeln genau unsere Erfahrungen wieder...
    Uns hat die Insel im Winter 2013 in ihren Bann gezogen und wird uns wohl auch nicht wieder los lassen.
    Nach einer Sommertour im letzten Jahr planen wir schon wieder die nächsten Islandreisen ;)
    VlG Andrea

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